Dr. Sours Bitters im Test

Unter den vielen Neuerscheinungen im Barsegment ist es manchmal wirklich nicht einfach, auch nur einigermaßen den Überblick zu behalten. Zwar lese ich regelmäßig Printmagazine und andere Blogs, stöbere durch Foren und Gruppen in den sozialen Netzwerken, führe Gespräche in Bars und auf Messen, mache aber auch immer mal wieder zufällig die eine oder andere Entdeckung. Wann und wie ich auf die heute hier zu rezensierende Produktreihe erstmalig gestoßen bin, habe ich leider vergessen. Ich weiß aber sehr wohl noch, dass sie wirklich herausstach. (zugesandte Testprodukte)*

Cocktailbitters sind für einen Cocktail wie das Salz in der Suppe – dieser Satz ist wohl so etwas wie eine Standardfloskel für jeden, der zum ersten Mal etwas über Bitters lernt. Natürlich ist den meisten Menschen, die sich nicht für Cocktails interessieren, immer noch nicht wirklich geläufig, was Bitters eigentlich genau sind, aber unter „Cocktailians“, Hobbybartendern und Barflies sind sie natürlich so selbstverständlich wie Shaker und Rührglas. Die Bandbreite an Bitters war hingegen längst nicht immer so, wie sie heute ist. Noch vor zehn Jahren war es gar nicht so einfach, in Deutschland an eine Vielzahl verschiedener Bitters zu gelangen, auch wenn mit „The Bitter Truth“ gerade eine inzwischen global erfolgreiche Marke angetreten war, das zu ändern. Meistens war bei den klassischen Angostura Bitters bereits Schluss mit dem Angebot beim lokalen Händler. Heute ist die Situation eine ganz andere: mit der Renaissance der „Cocktailszene“, dem goldenen Zeitalter der Mixkultur, in dem wir uns zweifelsohne derzeit befinden, kamen mehr und mehr verschiedene Marken und Sorten auf den globalen Markt. So auch die Dr. Sours Bitters.

Dabei sind die Dr. Sours Bitters vor einem Hintergrund entstanden, der durchaus Ähnlichkeiten zum gerade skizzierten Status Quo der Vergangenheit aufweist. Denn während ich im vorherigen Absatz vor allem die Situation aus meiner deutschen Perspektive geschildert habe, so war das mit der Barkultur und den Bitters in Mexiko nochmal eine ganz andere Geschichte. Bis vor wenigen Jahren war eine richtige Cocktailbar in Mexiko doch eher eine seltene Ausnahme: Cerveza in der Kneipe, ein pur genossener Mezcal – das war es dann auch meist. Doch nicht nur hat sich das Bewusstsein für Mezcal als Premiumspirituose auch innerhalb Mexikos gewandelt (außerhalb Mexikos natürlich erst recht), der globale zweite Frühling der „Mixologie“ erfasste natürlich auch den zentralamerikanischen Staat. Und eine durchaus prägende Rolle dabei spielten eben jene Dr. Sours Bitters.

Die Geschichte beginnt damit, dass Manuel Weißkopf, der zuvor als Bartender in Regensburg und Wien gearbeitet hatte, in Mexiko-City in eine WG mit der Mexikanerin Sol Sours zog. Durch sie lernt Manuel die mexikanische Trinkkultur und die Vielschichtigkeit des Themas Mezcal kennen, er bringt wiederum das Knowhow des Bartenders mit ein und das ganze fusionierte zu einer Geschäftsidee, die schließlich die mexikanische Barlandschaft ab 2015 verändern sollte (aber auch ihr Leben, denn beide sind ein Paar geworden). Dass das auch in Deutschland gelingen kann, wollen die Unternehmer nun beweisen. Ich bin vor diesem Hintergrund natürlich sehr gespannt, was mich hier erwarten wird.

Vor allem muss natürlich zunächst die Frage gestellt werden: Was macht Dr. Sours Bitters nun so besonders, abgesehen davon, dass sie eben aus Mexiko stammen? Nun, im Prinzip treten Manuel Weißkopf und Sol Sours mit dem Versprechen an, gänzlich natürliche Bitters auf Mezcalbasis herzustellen (den Mezcal verkaufen Sie übrigens auch unter dem Namen MZCL) und somit auch aus der Masse der mitunter durchaus auch recht künstlich anmutenden Bitters anderer Hersteller herauszustechen (was ich durchaus bestätigen kann, denn längst nicht alle angebotenen Bitters bieten das, was sie man sich unter ihrer „Geschmacksrichtung“ vorstellt). Dabei stehen ihre Bitters von Anfang an im Zeichen Mexikos, denn nicht nur die Basisspirituose ist mexikanisch, auch die Kräuter und Gewürze entstammen der mexikanischen Flora und sollen in eine genuin-mexikanische Geschmackswelt entführen. Inspirationen für die ein oder andere Kombination hat man sich dabei auch in der klassischen mexikanischen Küche geholt.

Da ich gutes und authentisches mexikanisches Essen liebe, bin ich bis hierhin jedenfalls voll dabei und umso gespannter auf das, was mich hier erwartet. Die Bitters-Range weist inzwischen 19 verschiedene Sorten auf (das ist mehr als beachtlich), wovon ich dankenswerterweise 14 verschiedene testen darf. Die wirklich wunderschön gestaltete Holzbox mit dem Katzenlogo (Dr. Sours ist nämlich der Name der Katze auf dem Logo) lässt sich als Set mit kleinen 1 cl-Fläschchen auch in dieser Form käuflich erstehen (für ca. 100 Euro – das klingt zunächst viel, orientiert man sich aber an gängigen Bitterspreisen, dann fällt der Preis nicht aus dem Rahmen).

Doch jetzt ist es an der Zeit, einmal zu schauen, was ich hier vor mir habe. Dr. Sours nummerieren ihre Soursvarianten, jedoch sind nicht alle Nummern dauerhaft im Sortiment, da sie auf saisonalen Zutaten basieren oder momentan nicht erhältlich sind. Daher gehe ich im Folgenden auch nur auf die Sorten ein, die im Dr. Sours Mini Kit enthalten sind. Im Zeitraum der Erstellung des Artikels war es mir ebenfalls nicht möglich, jede einzelne Sorte intensiv zu testen und auch konnte ich nicht zu allen Drinks entsprechende Fotografien anfertigen, dennoch möchte ich natürlich so gut wie möglich meine Eindrücke hier schildern.

#1 All Sours

Hier hat man voll auf die Citruskarte gesetzt, mit Zitronen- und Limettenschalen, aber auch mexikanische Citrusfrüchte wie die Limón Real sind hier verarbeitet worden. Zudem wird eine würzige Ingwernote mit ausgewiesen. Ausprobiert habe ich diese Sorte in einem klassischen Tom Collins – und bin noch immer begeistert: diese würzig-frische und leichte rauchige Nuance habe ich so noch nicht in diesem Drink erlebt. Wahnsinn!

#2 Café de Olla

Hier erweist man der mexikanischen Art, Kaffee zu trinken, mit zusätzlichen Gewürzen von Zimt, Karamell, Vanille und Kakao die Ehre. Es wird angeraten, diese Bitters mit fassgelagerten Spirituosen zu probieren. Eine Idee, die ich gerne aufgegriffen habe, in einem Rhum Agricole Old Fashioned mit dem 10-jährigen Clemént, wobei ich die Angostura Bitters schlicht durch Dr. Sours Café de Olla ersetzt habe.

#4 Nopal

Fruchtig, mineralisch, kräutrig und milchig – das klingt abgefahren, beschreibt aber Anspruch und Wirklichkeit der Nopal Bitters, die mit mexikanischem Kaktus, Kreuzkümmel, Oregano und tatsächlich auch Heuschrecken aufwarten. Das ist definitiv mal völlig abgefahren und – wie ich finde – super vielversprechend. Ausprobiert habe ich die Nopal Bitters in einer klassischen Margarita, die dadurch würziger, voller und satter daher kam und tatsächlich das viel beschworene Umami aufwies.

#5 Janis

Mexikanischer Hibiskus und Sternanis – so lautet die geschmackliche Marschroute hier. Agua de Jamaica ist ein in Mexiko verbreitetes Erfrischungsgetränk auf Hibiskusbasis mit Anis und Zimt, daher die Wortkombination aus Jamaika und Anis: „Janis“. Ausprobiert habe ich diese Bitters mit ihren beerigen Noten in einem klassischen Negroni. Hier hätte ich vielleicht einen weniger kräftigen Wermut wählen sollen, denn gegen Campari und Antica Formula hatten es die Bitters etwas schwer. Dennoch: die Qualität der Janis Bitters steht für mich außer Frage. Im Versuchs- und Rezensionszeitrahmen dieses Artikels habe ich hier wohl lediglich keine ganz optimale Entscheidung getroffen. Möglicherweise wäre eine Negroni-Kombination mit beispielsweise Mulassano rosso und Mondino hier besser.

#6 Quina

Chinarinde, Zitrusfrüchte, Zitronengras und Ingwer setzen hier ein spritzig frisches Ausrufungszeichen. Spannend in einem Gin & Tonic, wobei ich hier definitiv von einem zu floralen und zitrustönigen Gin abraten und auch beim Tonic eher auf der klassischen oder gar trockenen Seite bleiben würde. Sonst wird es doch schnell ein wenig zu frisch und zitronig – die Mezcalkomponente ist im G&T aber richtig gut.

Eine unerwartet gute Ergänzung in einem White Russian: Dr. Sours #7

#7 Orange

Bei dieser sehr interessanten Alternative zu herkömmlichen Orange Bitters auf der Basis mexikanischer Süß- und Bitterorangen war ich sehr gespannt, wie die rauchige Komponente des Mezcal sich niederschlagen würde. Und diesbezüglich muss ich klar sagen, dass es vom Einsatzzweck abhängig ist. In einem Martini würde ich die Dr. Sours #7 Orange Bitters eher weniger mögen, dafür aber umso mehr in bestimmten Kontexten. Unkonventioneller Weise habe ich sie in einem White Russian verarbeitet – und bin wirklich begeistert gewesen! Der Rauch, die ausdrucksstarke Orange – eine tolle Ergänzung zum Kaffeelikör.

“Bloody Maria” in einer Bloody Mary

#8 Bloody Maria

Auch hier war ich sehr gespannt – und bin einfach dem naheliegenden Vorschlag gefolgt, sie in einer Bloody Mary zu verwenden. Und das klappt ganz ausgezeichnet! Sellerie, getrocknete Tomaten, verschiedene Paprikas und Knoblauch geben der Nummer 8 ihren Charakter.

#9 3 Chiles

Mexiko ohne Chili ist sicherlich undenkbar. Bei regional inspirierten Bitters verwundert es daher kaum, dass man auch eigene Chili Bitters herausgebracht hat. Der Vorschlag von Dr. Sours ist hier sehr interessant, denn neben einer Bloody Mary wird hier auch empfohlen, sie in Salsas oder einer Guacamole auszuprobieren.

Manganero bedeutet Tiki durch und durch!

#11 Manganero

Mangos, Tamarinde und Habaneros – wenn man diese Kombination denkt, denkt man (zumindest ich) unmittelbar an Tikidrinks. Und genau in einem solchen habe ich sie auch direkt ausprobiert. Orientiert habe ich mich dabei am Pina Paradise, dabei aber das Mandelextrakt durch die Manganero Bitters ersetzt: super!

#12 Xoco Tea

Dass Mexiko der Ursprung von Kakao und Schokolade ist, ist weitläufig bekannt. Erst kürzlich habe ich im Rahmen des Clinton Street Pub’s Jalisco Egg Cream geschmacklich in dieser Richtung gewütet. Umso interessanter, nun auch noch passende Bitters dazu verwenden zu können, die sich in eben jenem Cocktail auch absolut großartig machen! Sie basieren auf mexikanischer Bitterschokolade und schwarzem Tee.

#15 Epazote

Epazote ist eine mexikanische Pflanze, die auch als mexikanischer Tee oder mexikanischer Drüsengänsefuß bezeichnet wird. Da ich keinerlei Erfahrungen mit dieser Pflanze hatte, wusste ich hier nicht so wirklich, wohin die Reise gehen soll. Daher habe ich noch keine Erfahrungswerte gesammelt, werde aber sicherlich in Zukunft noch ein wenig herumexperimentieren.

Der vielleicht beste Boulevardier, den ich je hatte, dank Dr. Sours Bitters #16

#16 Papá Moi

Hier sind wir bei meinem absoluten Highlight angelangt. Die Papá Moi Bitters mit der Nummer 16 sind die Tabakbitters aus dem Hause Dr. Sours. Ich bin zwar kein Raucher, mag aber durchaus den Geruch von Tabak (nicht mit Zigarettenqualm zu verwechseln!) und habe mir gleich einen Boulevardier damit gemacht. Man muss das unbedingt ausprobieren! Das war einer der besten Boulevardiers, die ich bisher getrunken habe!

#17 Aromex

Hier haben wir es gewissermaßen mit einer Art mexikanischen Antwort auf die klassischen Angostura Bitters zu tun, die auf über 20 mexikanischen Botanicals basiert. Wo könnte man die Wirkung besser ausprobieren als in einem klassischen Old Fashioned? Es funktioniert ganz gut!

#18 Lavanda

Lavendel ist ein Duft (und auch ein Geschmack), den man wohl dosiert einsetzen muss. Hier war ich entsprechend bisher noch zurückhaltend, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass diese Bitters einem klassischen Martini einen sehr schönen Twist geben können.

Kann ich die Dr. Sours Bitters also empfehlen? Wer meine Beschreibungen bis hierhin gelesen hat, der wird längst erkannt haben: absolut! Natürlich ist das Dr. Sours Mini Kit nicht unbedingt eine ideale Investition für jeden Hobby- und Heimbartender, da hier schlicht die Menge der Sorten überwältigend wirken kann und man vermutlich auch mit einigen ausgesuchten Sorten gut fahren dürfte (abhängig vom persönlichen Geschmack und den favorisierten Drinks). Für Bars und Profis sind die Dr. Sours Bitters aber fast schon eine Pflichtivestition wenn man wirklich Wert darauf legt, den eigenen Drinks einen einzigartig-mexikanischen Schliff geben zu können. Wer es nicht glaubt, sollte sich auf einen Test einlassen. Kurzum: Beide Daumen hoch von meiner Seite!

Bezugsquellen: Um passende Händler zu finden, empfiehlt sich ein Blick auf dieses Shopportal.

*Der Umstand, dass mir diese Produkte zu redaktionellen Zwecken unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden sind, bedeutet nicht, dass in irgendeiner Weise Einfluss auf den Artikelinhalt oder meine Bewertung genommen wurde. Vielmehr ist es für mich stets unverrückbare Bedingung, völlig frei und unbeeinflusst rezensieren zu können.

3 thoughts on “Dr. Sours Bitters im Test

    • Ja, da hast Du sicherlich nicht ganz unrecht, wobei sich diese Preispolitik definitiv nicht nur hier ankreiden lässt. Inzwischen gehen die Marktpreise bei “Premium Bitters” leider in diese Richtung. Wobei ich mir auch hier nicht ganz sicher bin, inwiefern ein “leider” eigentlich gerechtfertigt subtile Kritik ist, denn zumindest bei den Dr. Sours Bitters kann man zumindest keinen Vorwurf zum Produktionshintergrund formulieren. Sind ja tatsächlich vollständig aus Naturprodukten gemachte Bitters.

  1. Pingback: The Dead Rabbit Irish Whiskey & The Auld Triangle - Galumbi

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