Mint Julep

Mint Julep

Ok, heute ist es so weit und ich stelle einen meiner allerliebsten Cocktails vor. Zusammen mit dem Negroni wechselt er sich an der Spitze meiner Favoritenliste ab, aber letztendlich ist es dieses ganz besondere Flair und auch das gewisse „Mehr“, das die Zubereitung erfordert, welches ihn vielleicht ein klein wenig öfter die Nase vorn haben lässt. Die Rede ist vom Mint Julep, einem Cocktail, über den schon unglaublich viel geschrieben und gesagt wurde und den zumindest in unseren Längengraden immer noch zu viel zu wenige Leute kennen.

Einen Artikel über den Mint Julep zu schreiben, kann dabei sehr schnell zur Mammutaufgabe werden, da es wirklich schier endlos viel über den Drink zu erzählen gibt. Seine unzähligen Varianten und sein Entstehungskontext reichen weit in die Geschichte zurück und so verwundert es auch nicht, dass eine unüberschaubare Zahl an Anekdoten zu diesem Cocktail existiert. Um dieser Mammutaufgabe, der ich vielleicht mit meinem Artikel nicht gerecht werden könnte, ein wenig aus dem Weg zu gehen, möchte ich mich auf meinen persönlichen Zugang und meine persönlich favorisierte Form des Mint Juleps konzentrieren. Auch wenn das bedeutet, eben keinen Artikel mit enzyklopädischem Anspruch oder Anstrich zu verfassen. Aber ein bisschen Platz für kleinere Rahmeninformationen soll natürlich trotzdem sein.

Mit denen möchte ich auch beginnen, indem ich das sage, was eigentlich fast immer am Anfang über den Julep-Cocktail erzählt wird, nämlich dass der Begriff Julep auf einen orientalischen Begriff zurückgeht, der natürlich auch etwas mit der Beschaffenheit des Cocktails zu tun hat. Im Persischen gibt es einen Begriff namens Gulab, im arabischen Kulturraum Julab genannt, welcher schlicht Rosenwasser bezeichnet, also eine Art Sirup, der auch gern in Erfrischungsgetränken oder in Kombination mit Tees und gehackten Nüssen gereicht wird. Einen derart gewürzten Sirup stellt in gewisser Weise auch ein Julep-Cocktail dar, welcher gemeinhein eben aus einem Sirup oder einer anderen Zuckerquelle (z.B. Marmelade wie im Stagger Lee Julep oder Falernum wie beim Pirates‘ Julep), einer Spirituose und frischen Kräutern, klassisch Minze, besteht. Die Urformen des heutigen Mint Juleps haben sich vermutlich im Laufe des 18. Jahrhunderts in den Südstaaten der noch jungen Vereinigten Staaten oder bereits noch vor der Staatsgründung auf damals noch kolonialem Territorium entwickelt. Eine landesweite Verbreitung erfuhr der Cocktail jedoch erst mit dem frühen 19. Jahrhundert, wo er jedoch schnell zu einem der bekanntesten und beliebtesten Drinks überhaupt wurde. War er ursprünglich sogar ein Getränk, welches z.T. bereits zum Frühstück genossen wurde, emanzipierte der Mint Julep sich im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte und entwickelte sich zu dem, was er noch heute ist oder sein kann: einer der größten Cocktails aller Zeiten.

Mint Julep

Mint Julep

„What the Martini was to the 20th century, the Mint Julep was to the 19th century.“ Diese Aussage beschreibt ganz gut, welchen historischen Stellenwert der Mint Julep in der Cocktailgeschichte einnimmt. Sie stammt von dem Mann, durch den ich den Mint Julep auch kennengelernt habe, nämlich vom amerikanischen Bartender und Cocktailhistoriker Chris McMillian. Chris‘ Wirkungssphäre ist das Mekka der amerikanischen Cocktailkultur, New Orleans, wo er bereits in diversen renommierten Bars gearbeitet hat und inzwischen mit dem Revel seine eigene Bar betreibt. Nebenher gibt er Cocktailseminar im gesamten Land. Für mich ist und bleibt er sowas wie der Inbegriff des klassischen Südstaaten-Bartenders. Daher würde es mir auch im Traum nicht einfallen, seine Expertise in Sachen Mint Julep anzuzweifeln und ich muss sagen: nachdem ich viele Zubereitungsarten des Mint Juleps ausprobiert habe, Chris‘ Version ist mit Abstand die beste.

Normalerweise schreibe ich das Rezept des Cocktails an Ende des Artikels, heute platziere ich es mittendrin, da es noch ein wenig zusätzliche Erklärung bedarf.

Rezept Mint Julep (nach Chris McMillian, New Orleans):

3-4 oz Bourbon (ich verwende gerne einen Woodford Reserve oder einen Maker‘s Mark)
1 Barlöffel Zuckersirup + weiterer Zuckersirup (s.u.)
5 Minzzweige + 1 weiterer für die Garnitur

Zubereitung: Zunächst 1 Barlöffel Zuckersirup und Minzzweige in den Silberbecher geben und mit dem Muddler behutsam stößeln, ohne dabei die Blätter zu zerfetzen. Sie sollen nur etwas angedrückt werden, um ihr Öl abzugeben, dabei auch gegen die Innenseite des Silberbechers drücken und so idealerweise die gesamte Innenfläche des Bechers aromatisieren. Dann den Silberbecher mit gestoßenem Eis auffüllen und mit den Händen über den Becherrand hinaus eine Kuppel aus Eis formen. Nun den Bourbon allmählich auf das Eis geben und nach unten sickern lassen bis etwa noch ein halber Zentimeter bis zum Becherrand hinein passen würde. Diesen dann noch einmal mit etwas Zuckersirup auffüllen. Mit Minzzweig garnieren und kurzen Strohhalm zwischen den Minzzweig stecken.

Glas: Silberbecher

Garnitur: Minzzweig und mit einem Leinentuch servieren

Über die adäquate Art, einen Mint Julep zuzubereiten, gibt es in den USA, vor allem im Süden der USA, mitunter handfeste Debatten, die schnell auch einmal ausarten können. Bei uns ist das natürlich eher selten der Fall. Dennoch lese ich z.B. sehr oft, dass man die Minzblätter aus dem Julep nach einer Zeit wieder entfernen sollte, um den Alkohol nicht zu sehr zu überlagern oder im schlimmsten Fall sogar, sie mit Kristallzucker zu zerfetzen. Ich mache nichts davon, was seine Gründe hat, die vor allem mit der Art und Weise, wie man den Drink macht, zusammenhängen. Bei gefühlt 99% aller Cocktailrezepte geht es ja darum, eine möglichst homogene und verlässliche Mischung zu erzeugen. Wer möchte schon, dass sein Whisky Sour unten süß und oben sauer schmeckt? Nun, beim Mint Julep möchte man sowas in der Art eben vielleicht doch. Mr. McMillian macht hier einen für mich sehr überzeugenden Punkt, wenn er den Mint Julep als einen Drink auffasst, der dann besonders überzeugt, wenn er eben nicht den kalkulierbar gleichen Geschmack bei jedem Zug verspricht, sondern jeder Schluck auf seine Art ein wenig anders ist. Der Drink gewinnt dadurch eine Multidimensionalität, die fantastisch funktioniert. Mal steht der Bourbon sehr stark im Vordergrund, mal ist es süßer, mal nicht, mal ist die Minze subtil da, mal ist sie sehr präsent und frisch. Der Gedanke ist zudem, dass der Drink gewissermaßen nach unten hin an Intensität gewinnt, denn dort befindet sich die größte Konzentration des aromatischen Gemischs aus Minzblättern, Sirup und Bourbon. Daher sollte auf jeden Fall auch nur ein kurzer Strohhalm gereicht werden, um nicht direkt ganz unten zu beginnen, sondern die „Belohnung“ zum Schluss zu erhalten. Dabei die duftende Minze in der Nase bei jedem Zug aus dem Strohhalm…ganz wunderbar! Das Gefühl, einen solchen Mint Julep zu trinken ist kaum zu beschreiben, man muss es einfach einmal erlebt haben. Dazu muss man sich natürlich auf den Gedanken einlassen, sich ein wenig vom Cocktail führen zu lassen und nicht den verlässlich gleichen Geschmack mit jedem Schluck zu erhalten, aber das sagte ich ja bereits.

Chris McMillian zitiert während der Zubereitung oft noch einen Auszug aus einem Text von Joshua Soule Smith, der in den 1890ern im Lexington Herald veröffentlicht wurde. Chris kann den Text auswendig (meinen Respekt dafür), ich leider nicht. Trotzdem stellt er die für mich hier am besten passende Anekdote dar, auch wenn die beschriebene Zubereitung stellenweise von Chris‘ eigener abweicht. Es lohnt sich, ihn zu lesen, denn er ist ein wirklich sprachlich schönes Stück amerikanischer Trinkerdichtung.

„Then comes the zenith of man’s pleasure. Then comes the julep – the mint julep. Who has not tasted one has lived in vain. The honey of Hymettus brought no such solace to the soul; the nectar of the Gods is tame beside it. It is the very dream of drinks, the vision of sweet quaffings.

The Bourbon and the mint are lovers. In the same land they live, on the same food they are fostered. The mint dips infant leaf into the same stream that makes The Bourbon what it is. The corn grows in the level lands through which small streams meander. By the brook-side the mint grows. As the little wavelets pass, they glide up to kiss the feet of the growing mint, and the mint bends to salute them. Gracious and kind it is, living only for the sake of others. Like a woman’s heart it gives its sweetest aroma when bruised. Among the first to greet the spring, it comes. Beside gurgling brooks that make music in the fields, it lives and thrives. When the bluegrass begins to shoot its gentle sprays towards the sun, mint comes, and its sweetest soul drinks at the crystal brook. It is virgin then. But soon it must be married to old Bourbon. His great heart, his warmth of temperament, and that affinity which no one understands, demands the wedding.

How shall it be? Take from the cold spring some water, pure as angels are; mix it with sugar till it seems like oil. Then take a glass and crush your mint within it with a spoon – crush it around the borders of the glass and leave no place untouched. Then throw the mint away – it is the sacrifice. Fill with cracked ice the glass; pour in the quantity of Bourbon which you want. It trickles slowly through the ice. Let it have time to cool, then pour your sugared water over it. No spoon is needed; no stirring allowed- just let it stand a moment. Then around the brim place sprigs of mint, so that the one who drinks may find the taste and odor at one draft.

Then when it is made, sip it slowly. August suns are shining, the breath of the south wind is upon you. It is fragrant cold and sweet – it is seductive. No maidens kiss is tenderer or more refreshing, no maidens touch could be more passionate. Sip it and dream-it is a dream itself. No other land can give you so much sweet solace for your cares; no other liquor soothes you in melancholy days. Sip it and say there is no solace for the soul, no tonic for the body like old Bourbon whiskey.“

Wow!

Mint Julep

Achja, fast hätte ich es vergessen. Es gibt auch noch eine andere, durchaus interessante Version des Mint Juleps, die auf „Professor“ Jerry Thomas zurückgeht. Whiskey war nicht immer die einzige gängige Spirituose, mit der Juleps zubereitet worden sind. So war durchaus auch Gin oder Brandy nicht unüblich. Jerry Thomas setzt hier auf Cognac und kredenzt in seinem Buch “How to Mix Drinks: Or, The Bon-vivant’s Companion” von 1862 einen Julep „that is fit for an emperor“.

Ich habe hier – auch einmal ohne Silberbecher, auch aus fotografischen Gründen – eine Adaption aus dem Cocktailian Handbuch der Bar zubereitet, was zwar ein völlig anderer Cocktail ist und dort, wie ich finde, etwas merkwürdig unter der Bezeichnung “Mint Julep” den Eindruck erweckt, dies sei quasi das originale oder irgendwie gängige Mint Julept-Rezept, welche nichtsdestotrotz aber sehr gut ist.

Hier auch noch das an Jerry Thomas‘ Variante angelehnte Rezept aus „Cocktailian – Das Handbuch der Bar“, von mir nur minimal verändert:

Jerry Thomas-Mint Julep

4 cl Cognac
1,5 cl Pfirsichlikör
15 Blätter Minze
2 Dashes brauner Jamaika Rum

Zubereitung:

Minze zwischen den Händen kurz anklatschen und mit Cognac und Pfirsichlikör im Glas zusammen für ca. 5 Minuten ziehen lassen und dabei gelegentlich mit dem Barlöffel andrücken. Dann die Minze herausnehmen (ich lasse sie wie immer trotzdem drin), mit gestoßenem Eis auffüllen und umrühren, bis das Glas oder der Silberbecher beschlägt. Zuletzt nochmals mit gestoßenem Eis auffüllen und Rum darüberträufeln.

Glas: Silberbecher/Highball (ich habe einen Tumbler benutzt)

Garnitur: Minze und Früchte der Saison

Mint (Peach) Julep

Mint (Peach) Julep

Bezugsquellen: frische Minze kaufe ich gern in türkischen Lebensmittelgeschäften, die restlichen Zutaten finden sich je nach gewähltem Bourbon in Supermärkten, dem Fachhandel oder online.

7 thoughts on “Mint Julep

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