Shrubb J.M Liqueur d’Orange, Habitation Velier Savanna HERR White Rum & L’inattendu

Rum aus französischen Übersee-Départements hat sich inzwischen einen mehr als guten Namen gemacht. Wer auf Transparenz und eine solide Qualität Wert legt, weiß die französischen AOC-Regeln i.d.R. zu schätzen, die auf Martinique, Guadeloupe und La Réunion gelten und die deren Rhum Agricoles immer weiter auch außerhalb der französischsprachigen Welt haben populär werden lassen. Doch es ist nicht nur Rhum Agricole, der aus Übersee mit seinen Reizen lockt. (zugesandte Testprodukte)*

Tatsächlich wird manchmal fast schon vergessen, dass auch durchaus Vertreter des Genres der Melasserums aus diesen Längengraden stammen, aber auch andere traditionelle Spirituosen existieren, wie bspw. die sogenannten Shrubbs. Und diesen Bogenschlag habe ich nicht zufällig unternommen, denn genau um zwei solche Abfüllungen soll es heute gehen. Da ich sie letztlich auch zusammen in einem Drink eingesetzt habe, bot es sich gewissermaßen an, sie hier auch gemeinsam zu rezensieren.

Zunächst wäre da der Shrubb J.M Liqueur d’Orange aus Martinique. Wie auch schon der Clément Créole Shrubb basiert dieser Likör auf Rhum Agricole, in welchen Schalen von Bitterorangen sowie Gewürze (Vanille, Zimt, Muskatnuss) eingelegt wurden. Man lässt diese für einen nicht näher benannten Zeitraum mazerieren und füllt anschließend den infundierten Rum in Eichenfässer, wo er einen ebenfalls nicht näher benannten Zeitraum reifen darf. Schließlich wird er mit purem Zuckerrohrsirup zum fertigen Shrubb abgerundet. Mit 35% vol. fällt er etwas leichter aus als der Clément-Shrubb, sollte aber noch genug Aromentragkraft mitbringen. Einen Rhum aus dem Hause J.M habe ich übrigens hier schon einmal probiert.

Tasting Notes Shrubb J.M Liqueur d’Orange:

Aroma: In der Nase zeigt sich zunächst – wie zu erwarten – jede Menge Orange. Die Orangennoten fallen dabei aber nicht übermäßig süß aus, sondern erinnern eher an eine englische Orangenmarmelade mit Bittertönen und einem Gewürzhintergrund. In diesem Zusammenhang finde ich besonders Zimt und Muskatnuss. Mit der Zeit wird das Aroma noch fruchtiger und frischer.

Geschmack: Die Süße dieses Shrubbs ist sehr schön ausbalanciert. Obwohl wir es hier mit einem Likör zu tun haben, empfinde ich ihn in der Purverkostung nicht als pappsüß. Die Bitterorangen kommen sehr schön und vollaromatisch zur Geltung, was mir ausgesprochen gut gefällt, man schmeckt diese hier tatsächlich authentisch heraus. Die Rhum Agircole-Basis ist durch die Zuckerzugabe schon stark verändert, lässt sich aber ebenfalls finden. Die Gewürze sind ebenfalls mit von der Partie, fallen aber nicht zu vordergründig aus.

Abgang: mittellang mit schönen Bitternoten, Orangen und v.a. Muskat

Zum anderen möchte ich auch noch auf den Habitation Velier Savanna HERR White Rum eingehen, der aus La Réunion im Indischen Ozean stammt, wo ebenfalls eine handwerkliche Rumtradition zuhause ist. In der an der an der Nordküste gelegenen 55.000-Einwohner-Gemeinde Saint-André liegt auch die Distillerie de Savanna, wo man eben neben dem erwarteten Rhum Agricole auch Melasserum herstellt. Und einen solchen habe ich heute hier vor mir stehen. Noch dazu handelt es sich um einen weißen, ungereiften Rum (dass weiße Rums längst nicht immer ungereift sind, habe ich bereits in der Vergangenheit schon einmal thematisiert – überhaupt sollte man – gerade beim Rum – niemals sein Urteil auf Grundlage der Farbe fällen). Natürlich mag ein Preis von um die 50 Euro für einen ungereiften Rum zunächst sehr hoch erscheinen, wie ich aber auch schon beim  Forsyths 151 Proof White beschrieben habe, ist dies nicht unbedingt pauschal richtig. Es kommt eben ganz darauf an, was man hier erwartet und was man letztlich mit dem Rum machen möchte. Es gibt ihn eben auch: den weißen Rum aus dem Sipping-Segment (der sich trotzdem auch für Cocktails eignet).

Wie dem auch sei: der vom italienischen Abfüller Habitation Velier auf den Markt gebrachte Savanna HERR White Rum (HERR steht übrigens für High Ester Rum Réunion) kommt mit einer sehr vielversprechenden Stärke von 62,5% vol. daher und wirbt nicht nur bereits im Namen, sondern auch auf dem Etikett mit einer sehr hohen Esterkonzentration von 499,9 gr/hlpa. Man darf hier also sicherlich einiges an Obstnoten erwarten.

Tasting Notes Habitation Velier Savanna HERR White Rum:

Aroma: Eine ganze Wagenladung voll wuchtiger Aromen steigt mir hier entgegen. Obst, vor allem gegorenes Obst, das aber auch ins Vegetale übergeht und ein wenig an gekochtes Gemüse erinnert. Grünliches Zuckerrohr (welches letztlich an so manchen Rhum Agricole erinnert) mit süßem Duft, etwas Klebstoff, Oliven und kalte Asche, Mineralsalz.

Geschmack: Die Esternoten dominieren auch am Gaumen mit Wucht und unweigerlich herausfordernder Intensität. Gegorene Noten von Obst, v.a. Ananas zeigt sich – so merkwürdig es klingt, aber ich fühle mich an chinesischen Baijiu erinnert. Dann kommen Kräuter, Gewürze und etwas an Schwelbrand erinnernder Rauch mit Asche und grünem Holz. Dieser Rum ist nichts für Zartbesaitete, vielmehr eine selbstbewusste Attacke mit Ansage!

Abgang: eher trocken mit Estertönen, gegorene Ananas, Wurzeln (wieder muss ich an Baijiu denken) und Minzzucker

Eines muss ich konstatieren: der Habitation Velier Savanna HERR White Rum ist kein Rum, den ich als unkomplizierten Einsteigerrum empfehlen kann. Er richtet sich viel mehr an Leute, die etwas ganz Besonderes suchen und einen voll-aromatischen, ausdrucksstarken weißen Rum mit Ecken und Kanten im Glas haben wollen. Durch sein Geschmacksbild wird er erst gar nicht daran denken, sich zu verstecken und wer bei weißem Rum an leichte Kokosnuancen denkt und sich innerlich schon in fröhlich-leichte Raffaello-Stimmung versetzt hat, der wird hier von einer wuchtigen Ohrfeige mit Schwelbrandnote überrascht. Kurzum: der Rum ist nicht ganz einfach. Und gerade deshalb wollte ich ihn in einem Drink einsetzen, der äußerlich zunächst nicht verrät, was hier auf einen zukommt. Es ist gewissermaßen ein entfernter Verwandter des Daiquiri mit etwas frischer Minze, Shrubb J.M Liqueur d’Orange, Holundersirup (den eine Arbeitskollegin gerade passenderweise hergestellt hatte; das Rezept findet sich weiter unten) und frischer Limette, zuletzt mit etwas Sodawasser aufgefizzt. Genannt habe ich ihn L’inattendu, den Unerwarteten, da er wirklich angesichts seines Erscheinungsbildes geschmacklich nicht erahnbar ist – was vor allem dem Habitation Velier Savanna HERR White Rum geschuldet ist.

Rezept: „L’inattendu“:

4 cl Habitation Velier Savanna HERR White Rum
1,5 cl Shrubb J.M Liqueur d’Orange
3 cl Limettensaft
1,5 cl Holunderblütensirup (s.u.)
5 Blätter frische Minze
Sodawasser

Holunderblütensirup: Auf je 500 ml Wasser 1kg Zucker geben und zu einem einfachen Zuckersirup kochen und vom Herd nehmen. Schließlich sieben Holunderblütendolden, eine in Scheiben geschnittene Orange und eine halbe, in Scheiben geschnittene Zitrone sowie etwa 1 cl Zitronensäure in den Sirup geben und für drei Tage ziehen lassen. Schließlich alles durch ein Filtertuch filtrieren und luftdicht verschließen.

Zubereitung: Alle Zutaten bis auf das Sodawasser in einen Shaker geben und kräftig auf Eis für mindestens 20 Sekunden schütteln. Schließlich doppelt ins mit frischen Eiswürfeln gefüllte Glas abseihen, mit dem Öl einer flambierten Orangenzeste besprühen und dann mit Sodawasser aufgießen.

Glas: kleines Highballglas oder Fizz

Garnitur: Minzzweig und Orangenzeste

Bezugsquellen: Im Fachhandel oder online

*Der Umstand, dass mir diese Produkte zu redaktionellen Zwecken unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden sind, bedeutet nicht, dass in irgendeiner Weise Einfluss auf den Artikelinhalt oder meine Bewertung genommen wurde. Vielmehr ist es für mich stets unverrückbare Bedingung, völlig frei und unbeeinflusst rezensieren zu können.

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