Vom Freimeisterkollektiv, Rhabarber, Doppelwacholder und dem “Four-legged Mule”

Wer sich in letzter Zeit in diversen Bars aufgehalten hat oder zumindest den virtuellen Kosmos rund ums Thema Bars, Cocktails und Spirituosen verfolgt, der wird sicherlich kaum um den Begriff „Freimeisterkollektiv“ herumgekommen sein. Auch mir ging es da ganz ähnlich, denn noch bevor ich überhaupt wusste, was es damit auf sich hat bzw. wer das Freimeisterkollektiv überhaupt ist, hatte ich den Begriff auf den ikonischen, schlicht und informativ gehaltenen Flaschen der Reihe schon mehrfach gesehen. Daher wird es höchste Zeit, der Reihe etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. (zugesandte Testprodukte)*

Wer ist nun also das „Freimeisterkollektiv“? Hinter dem Begriff verbirgt sich eine GmbH aus Berlin, die im Grunde genau das ist, was ihr Name bereits verrät: ein Kollektiv. Dieses Kollektiv bildet sich aus verschiedenen Brennern und Bartendern, die angetreten sind, um gezielt für Bars und Genießer hochwertige und auch z.T. sehr innovative Spirituosen anzubieten, welche zu moderaten Preisen und ohne Zwischenhändler vermarktet werden. Nach eigener Aussage wolle man so auch einen Beitrag leisten, den Spirituosenmarkt nicht den Industrieriesen zu überlassen.

Teil dieses Ansatzes ist es dabei auch, mit hoher Transparenz zu verfahren und genau darüber zu informieren, woher das Produkt jeweils stammt, was darin enthalten ist und wer es hergestellt hat. Dabei kommen ausschließlich handwerklich hergestellte Spirituosen zustande, die von kleinen Brennereien stammen. Zusatzstoffe oder künstliche Aromen werden genau so wenig verwendet wie Hefe, Geschmacksextrakte, künstlicher Zuckerzusatz (außer natürlich, die Spirituosengattung verlangt danach) oder gentechnisch veränderte Rohstoffe. Zudem legt man Wert auf Nachhaltigkeit in der Produktion. Das klingt natürlich alles sehr schön und unterstützenswert! Meine Sympathie für einen solchen Ansatz haben sie damit fraglos auf ihrer Seite.

Wer sich einen vollständigen Überblick über das Angebot und die verschiedenen, zum Kollektiv gehörenden Brenner und Bartender verschaffen will, dem sei auf jeden Fall ein Blick auf die Webseite des Freimeisterkollektivs empfohlen. Meine persönlichen Rezensionen zu den mir für diesen Zweck zur Verfügung gestellten Abfüllungen werde ich in den nächsten Wochen nach und nach hier im Blog veröffentlichen. Allein durch die schiere Zahl der verschiedenen Spirituosen und vor allem der aromatischen Profile würde dies für einen einzigen Artikel schnell überfrachtend wirken, denn ich möchte natürlich auch hier nicht von meinem gewohnten Verfahren abweichen, neben einer Bereitstellung von Verkostungseindrücken zur puren Spirituose auch passende Cocktailvorschläge zu unterbreiten und somit auch die viel beschworene „Mixbarkeit“ einem Test zu unterziehen.

Die bereits erwähnten, an sich sehr schlicht gehaltenen Etiketten gefallen mir wirklich ausgesprochen gut. Klar, ich bin auch immer mal wieder für wirklich gut gemachtes Design zu haben, aber letztlich geht es mir natürlich auch immer um den informativen Aspekt – und der ist hier wirklich gut umgesetzt. Ohne großes Drumherum erfährt man etwas über die verwendeten Zutaten, das in einem Diagramm dargestellte Geschmacksprofil, den verantwortlichen Brenner bzw. Bartender und natürlich den Stil der Spirituose sowie den Namen. Außerdem findet sich auch eine Nummer auf dem Etikett, die der Strukturierung des Gesamtangebots dient.

Den Anfang möchte ich heute mit dem Freimeisterkollektiv Doppelwacholder und dem Freimeisterkollektiv Rhabarber machen. Neben diesen werde ich in den kommenden Wochen aber auch noch folgende Abfüllungen hier vorstellen, die dann sukzessive auch hier im Artikel verlinkt werden:

  • Freimeisterkollektiv Krauseminze (Kräutergeist)
  • Freimeisterkollektiv Mahembe (Kaffeegeist)
  • Freimeisterkollektiv Dark Rye (100% Rye Malt Whiskey)
  • Freimeisterkollektiv Speckbirne (Most & Brand)
  • Freimeisterkollektiv Rosmarin (Geist)
  • Freimeisterkollektiv Quinoa (Wodka)
  • Freimeisterkollektiv Wodka-Sangaste (Bio-Winterroggen)
  • Freimeisterkollektiv Zitronenverbene (Geist)
  • Freimeisterkollektiv Rye (Straight Rye Whiskey)

Den Anfang macht nun der Freimeisterkollektiv Rhabarber, welcher – das Etikett verrät es – eben ein Likör ist. Dieser Rhabarberlikör wurde konzipiert und hergestellt von Matthias Schulz, Keltererei- und Brennereibetreiber in vierter Generation, in Zusammenarbeit mit Gerald Schroff von der Preussischen Spirituosenmanufaktur (deren Galgant-Cremelikör ich immer mal wieder gerne verwende). Der Likör basiert dabei auf Rhabarbersaft und Rhabarberbrand, was alles andere als selbstverständlich ist. Ohnehin will man sich mit diesem Likör bewusst vom Gros der am Markt verfügbaren Liköre distanzieren, welche z.T. auf künstlichen Aromen, v.a. aber auch auf aus großindustrieller Produktion stammenden und lediglich „zusammengekippten“ Komponenten (wie z.B. Agraralkohol) basieren. Natürlich findet auch Zucker seinen Weg in den Freimeisterkollektiv Rhabarberlikör, denn wir haben es nunmal mit einem Likör zu tun. Ansonsten sind aber nur selbst hergestellter Rhabarberbrand und Rhabarbersaft der Sorte Holsteiner Blut verwendet worden, welche für ihre rhabarbertypischen Charakteristika bekannt ist.

Tasting Notes „Freimeisterkollektiv Rhabarber (Likör)“:

Aroma: In der Nase findet man erstaunlich viel Apfel, vor allem grünlich-frischen, aber natürlich auch fruchtigen und authentisch duftenden Rhabarber. Zudem finde ich eine feine, unterschwellige Vanille, die das Aroma subtil trägt.

Geschmack: Am Gaumen dominiert zunächst – wie könnte es anders sein – der Rhabarber. Dieser wirkt dabei aber zu keiner Zeit künstlich oder irgendwie überbordend, vielmehr ist er sehr gut in eine gekonnte Süße-Säure-Balance eingebunden. Stichwort Süße: Mitnichten ist dieser Likör pappig-süß oder zuckrig, hier hat man wirklich ein gutes Maß gefunden. Zudem finde ich wieder etwas Vanille, Beerennoten und einen Hauch Zitrone, aber auch Assoziationen von kandierter Orange.

Abgang: Auch im Abgang zeigt sich vor allem Rhabarber mit lang anhaltender Fruchtsäure und etwas Bitterorange

Zudem habe ich mich für den Anfang an den Freimeisterkollektiv Doppelwacholder gewagt. Dazu sind vielleicht vorab noch ein paar Worte über diese Kategorie angebracht. Ein Doppelwacholder ist – wer hätte es gedacht – eine Wacholderspirituose. Da Wacholder von sich aus nicht genügend Zucker enthält, um eine gärfähige Maische daraus herzustellen, die schließlich zu einem Wacholderbrand gebrannt werden könnte, wird Wacholderschnaps (und auch Gin) via Mazeration (z.T. auch via Dampfinfusion) hergestellt, daher handelt es sich bei einem Doppelwacholder (und natürlich auch bei Gin) gewissermaßen um einen Wacholdergeist. Während man in Europa lediglich 30% vol. als Mindestakoholgehalt für Wacholderschnaps angibt, sind es in Deutschland 32% vol. Für einen Doppelwacholder allerdings 38% vol. Und wenn man nun bedenkt, dass die einzig fest vorgeschriebene Zutat für einen Gin eben Wacholder ist und der Mindestalkoholgehalt bei 37,5% vol. liegt, dann folgt daraus schlicht, dass ein Doppelwacholder eben auch ein Gin ist (aber nicht jeder Gin ein Doppelwacholder). Im Gegensatz zum Gin setzt der Wacholderschnaps aber eben ausschließlich auf das Geschmacksprofil des Wacholders – ohne großes „Botanical-Tamtam“ (angesichts mancher moderner New Western Dry Gins vergisst man durchaus schonmal, dass dieser eigentlich eine Wacholderspirituose ist).

So, nun aber zum Freimeisterkollektiv Doppelwacholder. Verantwortlich für diesen Doppelwacholder zeichnet Gerhard Liebl, der aus einer Wein- und Spirituosenhändlerfamilie entstammt, die seit 1970 auch eigene Spirituosen herstellen. Liebl verwendet für seinen Doppelwacholder ausschließlich frische, toskanische Wacholderbeeren, um so ein zu harziges Aroma in der Endspirituose zu vermeiden. Der Basisalkohol ist ein Weizendestillat, in welchem die Beeren für 48 Stunden mazerieren. Anschließend wird innerhalb von 5 Stunden auf einer 150 Liter-Brennblase der Doppelwacholder gebrannt. Nach dem Brennen wird der Doppelwacholder zunächst noch für einige Monate in Steingutbehältern gereift, bevor er dann mit vielversprechenden und für einen Doppelwacholder nicht unbedingt typischen 43% vol. abgefüllt wird.

Tasting Notes „Freimeisterkollektiv Doppelwacholer“:

Aroma: Oh ja, das ist ein klarer, knackiger und sehr gefälliger Wacholder, der hier unverkennbar aus dem Glas aufsteigt. Und tatsächlich ist er auffällig wenig harzig, stattdessen mit einer gewissen Zitrusfrische versehen, die wohl blind eher auf einen sehr trockenen und wacholdertönigen Gin hätte tippen lassen. Kräutrige Anklänge sind im Hintergrund ebenfalls vorhanden (ein Hauch Rosmarin, Assoziationen von Pfefferminze) sowie waldige Kieferntöne. Eine sehr schöne Nase!

Geschmack: Auch am Gaumen besticht dieser Doppelwacholder mit vielschichtigen und sehr schönen Noten der namensgebenden Beeren. Rosmarin und leichte Mentholassoziationen sind wieder zugegen, besonders sticht aber eine würzige Zitrone hervor, die einen kaum glauben lassen, dass hier keine Zitronenschalen verarbeitet worden sind. Schwarzer Pfeffer ist tatsächlich ebenfalls mit von der Partie, zudem finde ich noch einen ganz subtilen, moosigen Unterton.

Abgang: trocken, sehr wacholderbetont und überraschend lang

Es war gerade dieser schöne, ehrliche und doch dabei frische und spritzige Wacholdercharakter, der mich auf die Idee zum heutigen Cocktail brachte. Denn dieser ist das Ergebnis einer Abwandlung eines klassischen Cocktails der 1920er Jahre, den ich erstmalig in Harry Craddock’s berühmtem Savoy Cocktail Book entdeckte. Der Drink hört auf den merkwürdigen Namen Mule’s Hind Leg (dessen Ursprungskontext mir leider unbekannt ist, falls jemand etwas darüber weiß, würde ich mich über einen Kommentar freuen) und besteht eigentlich aus Gin, Applejack, Apricot Brandy, Benedictine und Ahornsirup – und das Ganze zu gleichen Anteilen. Ich gebe zu, in der von Mr. Craddock aufgeführten Rezeptur konnte mich dieser Drink nicht überzeugen, wohl aber mit veränderten Proportionen und mit deutlich weniger Süße. Daher habe ich kurzerhand gleiche Anteile (jeweils 3 cl) Freimeisterkollektiv Doppelwacholder und Daron Calvados XO benutzt (anstelle des weniger aromatischen Applejack) und den Apricot Brandy durch den wunderbar mit Apfel- und Wacholder harmonierenden Freimeisterkollektiv Rhabarber ersetzt. Der Anteil des Rhabarberlikörs fällt dabei lediglich halb so hoch aus (1,5 cl) und wird mit einem Barlöffel D.O.M. Benedictine abgerundet. Ahornsirup hat es nicht in meinen Drink geschafft, denn ich wollte bewusst eine weniger süße und dafür frisch-komplexe Version. Auch wird meine Variante nicht geschüttelt, wie noch von Craddock gefordert, sondern gerührt. Und dieser Drink begeistert mich auf diese Art wirklich sehr, er wirkt einfach kompletter. Deshalb heißt er jetzt auch Four-legged Mule.

Rezept „Four-legged Mule“:

3 cl Freimeisterkollektiv DoppelWacholder
3 cl Daron Calvados XO
1,5 cl Freimeisterkollektiv Rhabarber
1 Barlöffel D.O.M. Benedictine

Zubereitung: Alle Zutaten auf Eis kalt rühren und ins vorgekühlte Glas abseihen. Mit dem Öl einer Zitronenzeste besprühen.

Glas: Goblet / Shortdrink

Garnitur: Zitronenzeste

Bezugsquellen: Im Fachhandel oder online

*Der Umstand, dass mir diese Produkte zu redaktionellen Zwecken unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden sind, bedeutet nicht, dass in irgendeiner Weise Einfluss auf den Artikelinhalt oder meine Bewertung genommen wurde. Vielmehr ist es für mich stets unverrückbare Bedingung, völlig frei und unbeeinflusst rezensieren zu können.

2 thoughts on “Vom Freimeisterkollektiv, Rhabarber, Doppelwacholder und dem “Four-legged Mule”

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