Pikesville 110 Proof Straight Rye Whiskey & Old Gal

Und weiter geht es heute mit einer Abfüllung, die zumindest auf dem Papier – und auch auf den ersten Blick – ganz meinen Geschmack zu treffen verspricht. Ob das wirklich so ist und hier keine Enttäuschung lauert, wird sich natürlich noch zeigen müssen, aber zumindest die Rahmendaten stimmen: Straight Rye Whiskey, 110 Proof, traditionelle Handwerkskunst, das sollte doch passen! Es geht heute um den Pikesville 110 Proof Straight Rye Whiskey. (zugesandtes Testprodukt)*

Und hinter diesem Namen steckt tatsächlich eine relativ lange Geschichte mit der ein oder anderen Wendung. Denn obwohl der Pikesville Rye im Bundesstaat Kentucky produziert wird (was jetzt nicht besonders aufhorchen lässt) liegen die Wurzeln des Whiskeys im Bundesstaat Maryland an der Atlantikküste. Maryland ist definitiv außerhalb der USA nicht unbedingt der bekannteste aller amerikanischen Bundesstaaten – und im Zusammenhang mit Whiskey dürfte er noch weniger Menschen ein Begriff sein. Dennoch stammt eine traditionelle Spielart des amerikanischen Roggen Whiskeys eben aus jenem Bundesstaat: Maryland Rye Whiskey. Dass man von diesem heute so wenig hört oder weiß, liegt schlicht daran, dass es ihn im Grunde gar nicht mehr gibt.

Besonders während und vor allem nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 erreicht der Maryland Style Rye seinen Popularitätshöhepunkt und er verbreitete sich in weiten Teilen der USA. Mit der Prohibition in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Whiskeyindustrie in Maryland aber faktisch zum Erliegen gebracht und zahlreiche Brennereien überlebten diese Zeit nicht. Der Pikesville Rye, welcher erstmal während der 1890er in Maryland gebrannt wurde, erlebte eine erste Renaissance nach der Prohibtion in Baltimore, Maryland, wo man ihn nun in der Monumental Distillery herstellte. Mit sinkender Nachfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Produktion in den 1970ern jedoch wieder eingestellt, nur um sie 1982 wieder aufzunehmen – diesmal allerdings nicht mehr in Maryland, sondern im „Whiskey state“ Kentucky. Genauer gesagt in der Bernheim Distillery in Louisville (u.a. Elijah Craig, Larceny).

Natürlich ist es an dieser Stelle legitim, die Frage danach zu stellen, wieviel Marketing und wieviel originale „Ursprungs-Pikesville“ tatsächlich heute noch in der Flasche steckt. Die Brennereien haben sich verändert und damit sicherlich auch der Charakter des Whiskeys, wenn auch natürlich die Möglichkeit besteht, sich an der traditionellen Rezeptur zu orientieren (welche einen Roggenanteil von 51% aufweist). Inwiefern wir hier also wirklich – wie beworben – den „letzten Vertreter des Maryland Rye“ vor uns haben…naja. Aber letztendlich kommt es darauf ja auch nicht an.

Im Anschluss an die Destillation darf der Pikesville 110 Proof Straight Rye Whiskey für doch schon recht lange sechs Jahre in Amerikanischen Weißeiche-Fässern reifen. Und die Abfüllung mit 55% Overproof ist natürlich aromatisch und geschmacklich äußerst vielversprechend und gefällt mir persönlich sehr.

Insofern kann ich auch gleich zur Sache kommen.

Tasting Notes:

Aroma: Oh ja, hier ist was los im Glas! Ich finde sofort Karamell- und Getreidenoten, die sehr ausdrucksstark aufwarten. Rosinen und angerösteter Puffreis, subtile Nelken, Zimt, Maronen und schließlich auch Vanille. Dann kommen noch Assoziationen von in Rotwein eingelegten Pflaumen hinzu, Kakaobohnen und ein subtiler Rauch.

Geschmack: sehr satt, der Alkohol ist natürlich spürbar, aber vollgepackt mit Aromen von Zimt, Vanille (wobei es hier eine Crème Brûlée ist) Muskatnuss und wieder charakteristischen Getreidenoten (v.a. eben Roggen). Auch hier finden sich Anklänge von Rosinen und immer wieder eine vielschichtige Vanille, die ich allein auf Basis des Aromas in der Nase am Gaumen so nicht erwartet hätte.

Abgang: lang mit Vanille, Karamell und Gewürznoten – für 55% vol. ein gefährlich süffiger Rye Whiskey.

Ok, ich mag diesen Whiskey wirklich sehr. Geahnt habe ich es ja schon, nun weiß ich es. Und was mag ich auch wirklich sehr? Genau: Negronis. Ok, ich gebe zu, wer jetzt die totale Offenbarung eines nie dagewesenen Rezeptes hier erwartet und wem der folgende Cocktail schlicht nicht fancy genug ist, tja, der wird natürlich entsprechend etwas enttäuscht sein. Wer aber diesem sehr gelungenen Rye eine Bühne bieten will, auf der er zeigt, was in ihm steckt und ihn obendrein – einfach klassisch begleitet – sogar richtig glänzen lassen will, der wird den Old Gal lieben. Der Old Gal ist eigentlich nichts groß anderes als eine Variante des Old Pal, welcher wiederum eine Spielart des Boulevardiers ist, der auf trockenen, weißen Wermut setzt. Im Old Gal, den Phil Ward in der Long Island Bar in Brooklyn kreiert hat, wird wiederum ein weniger trockener weißer Wermut verwendet (ein Martini Bianco). Ob man Campari verwendet (so wie ich) oder doch einen anderen roten, italienischen Bitterlikör, muss man natürlich am eigenen Geschmack orientieren. So ist der Old Gal aber jedenfalls ein sehr gefälliger Drink, wie ich ihn liebe.

Rezept „Old Gal“:

3 cl Pikesville 110 Proof Straight Rye Whiskey
2 cl Campari
1 cl Rinomato Bitter Scuro
3 cl Martini Bianco

Zubereitung: Alle Zutaten im Rührglas kalt rühren und über frisches Eis ins vorgekühlte Glas abseihen. Mit dem Öl einer Orangenzeste besprühen.

Glas: Tumbler

Garnitur: Orangenzeste

Bezugsquellen: Im Fachhandel oder online

*Der Umstand, dass mir dieses Produkt zu redaktionellen Zwecken unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden ist, bedeutet nicht, dass in irgendeiner Weise Einfluss auf den Artikelinhalt oder meine Bewertung genommen wurde. Vielmehr ist es für mich stets unverrückbare Bedingung, völlig frei und unbeeinflusst rezensieren zu können.

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