Widow’s Kiss

Widow's Kiss

Wenn man sich mit der Geschichte der Cocktailkultur intensiver auseinandersetzt, dann kommt man natürlich um einige Klassiker der frühen Rezeptsammlungen aus dem 19. Jahrhundert nicht herum. Ebenso ist es unumgänglich, den Zusammenhang zwischen dem Siegeszug der gemischten Getränke und der Apothekenbranche zur Kenntnis zu nehmen. Das Geschmacksprofil des Widow’s Kiss spiegelt diese Einflüsse sehr eindrücklich wieder.

In den Apotheken des späten 19. Jahrhunderts spielten zahlreiche Tinkturen und Elixiere auf der Basis eingelegter Kräuter eine sehr große Rolle. Vielen Bitterstoffen wurden und werden heilsame Wirkungen zugeschrieben und so mancher Apotheker versuchte seine eigenen Kreationen an den Mann oder an die Frau zu bringen. So entstanden einige bis heute sehr berühmte Cocktailzutaten, gerade die nicht mehr wegzudenkenden Cocktailbitters finden hier ihren Ursprung. Ob Angostura oder Peychauds, begonnen haben sie ursprünglich als Medizin. Aber auch berühmte Liköre weisen einen ursprünglichen Verwendungszweck als Arzneien auf. So sind gerade französische Klöster für ihre Kräuterliköre bekannt. Bereits im 18. Jahrhundert stellten die Mönche der Benediktinerabtei Fécamp ihren Kräuterlikör her und der Likör der Mönche aus der großen Kartause bei Grenoble geht sogar bis ins Jahr 1605 zurück.

Der Widow’s Kiss Cocktail wurde nun erstmalig in „Modern American Drinks: How to Mix and Serve All Kinds of Cups, Cocktails, and Fancy Mixed Drinks” von George J. Kappeler aus dem Jahre 1895 beschrieben und ist in seiner Rezeptur seitdem nur wenig abgewandelt worden. Er ist eine wahrlich kräutrige und „medizinische“ Mischung, die ein schier unglaubliches Spiel von Aromen mitbringt. Persönlich habe ich diesen Drink im Le Lion in Hamburg kennengelernt und war sofort begeistert. Als Freund von herbalen Noten war ich sofort angetan von diesem Geschmacksfeuerwerk. Gereifter Calvados, Chartreuse, Bénédictine, Angostura – so lautet die schlichte Zutatenliste, die es in sich hat.

Der Calvados bildet hierbei das Fundament und verschmilzt mit den übrigen Zutaten zu einem aromatisch-intensiven Elixier, dass trotz aller Kräutrigkeit auch eine feine Honigsüße aufweist. Absolut empfehlenswert!

Rezept (in US-typischen Unzenangaben):

1 ½ oz gereifter Calvados
¾ oz gelbe Chartreuse (die grüne wäre hier schlicht zu stark und würde den ganzen Drink überfrachten)
¾ oz Bénédictine
2 Dashes Angostura

Zubereitung: Alle Zutaten im Rührglas auf Eis kalt rühren und ins vorgekühlte Glas abseihen.

Glas: Goblet

Garnitur: Griottineskirsche

Bezugsquellen: Alle Zutaten finden sich mit Glück bereits im guten sortierten Supermarkt. Ansonsten im Fachhandel oder online.

4 thoughts on “Widow’s Kiss

  1. Mitten im 2. Weltkrieg kommen wir zu dem Schauspieler, den wahrscheinlich jeder Barkeeper gern mal in der Bar gehabt hätte, Humphrey Bogart. Er spielt 1942 in der Hauptrolle zusammen mit Ingrid Bergmann im Melodrama „Casablanca“ den Besitzer des Cafè Americain. Ilsa Lund (Ingrid Bergmann) liebte es klassisch, einen Negroni, zu den Klängen von „As time goes by“, um sich dabei an die Zeit mit Rick Blaine (Humphrey Bongart) zurückzuerinnern. „Ich schau dir in die Augen, Kleines“.

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