Merry Widow

Merry Widow

Eigentlich sollte man ja meinen, dass in einem Blog über Cocktails ein Artikel über den Martini Cocktail ziemlich weit oben steht bzw. den Anfang macht. Gilt der Martini doch als der Cocktail des 20. Jahrhunderts und für viele als Inbegriff des Cocktails überhaupt. Doch bislang war ich noch nicht so wirklich in der richtigen Stimmung für einen solchen Artikel. Stattdessen widme ich mich lieber heute einem engen Verwandten.

Der Merry Widow Cocktail ist sicherlich eine komplexe und verspielte Hommage an den Martini Cocktail, weist aber auch eine Menge eigener Akzente auf. Zu Gin und Wermut gesellen sich in dieser sehr interessanten Rezeptur noch der von mir sehr geschätzte Benedictine, ein wenig Absinth und Peychaud Bitters. Wenn man so möchte, haben wir es also mit einem Querschlag zwischen Martini und Sazerac zu tun. Gerade letzterer beweist das unglaubliche Geschmackspotential, das nur ein wenig Absinth im Zusammenspiel mit den vollaromatischen Peychaud Bitters zu entfachen vermag. Zudem ist es durchaus möglich, dass man sich beim Namen des Drinks auch ein wenig am Widow‘s Kiss orientiert hat, den George J. Kappeler bereits 1895 erwähnt hat, denn auch im Widow’s Kiss spielt Benedictine eine zentrale Rolle, wenn auch im Zusammenspiel mit anderen Ingredienzen. Wahrscheinlicher aber ist die Anlehnung an die Operette „Die lustige Witwe“ (engl.: „The Merry Widow“) von Franz Lehár, welche 1905 in Wien uraufgeführt wurde und in den folgenden Jahren zu großer Popularität gelangte. Diese These gewinnt vor allem mit Blick auf die schriftliche Ersterwähnung des Cocktails an Gewicht. Der Merry Widow Cocktail wurde erstmalig – wie viele andere Klassiker der damaligen Zeit auch – in Hugo R. Ensslins „Recipes for Mixed Drinks“ erwähnt. Es ist aber davon auszugehen, dass er nicht von Ensslin erfunden wurde, sondern bereits als eine gängige Martinispielart verbreitet gewesen ist.

Ensslin

Viel Wermut und die Zugabe von Absinth und Likören machen diesen Drink untrüglich als einen Prä-Prohibitionscocktail erkennbar. Sein Geschmacksprofil ist wirklich empfehlenswert! Er weist eine kräutrige, etwas erdige Frische mit einer warmen Süße und einer unverkennbaren Anisnote auf – ohne dabei zu weit in die Richtung eines schweren Likörcocktails abzudriften, wie es beim Widow’s Kiss der Fall ist (den ich allerdings liebe!). Wem also nach einem Klassiker ist, der ist mit dem Merry Widow Cocktail mehr als gut beraten.

Rezept (adaptiert nach Hugo R. Ensslins Originalrezept):

4 cl Gin (z.B. Tanqueray No. 10)
4 cl Französischer Wermut (z.B. Noilly Prat Dry)
2 Dashes Benedictine
1 Dash Peychaud Bitters
2 Dashes Absinth

Zubereitung: Alle Zutaten auf Eis im Rührglas kalt rühren. Anschließend ins vorgekühlte Glas abseihen und das Öl der Zitronenzeste auf die Oberfläche sprühen.

Glas: Martini

Garnitur: Zitronenzeste

Bezugsquellen: Mit Ausnahme der Peychaud Bitters (Fachhandel) sollten sich die Zutaten auch in gut sortierten Supermärkten finden lassen.

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