Travelling Bars (5): Das Jerry Thomas Project in Rom

Einige Wochen vor dem Osterwochenende fiel in diesem Jahr kurzerhand die Entscheidung zu einem Besuch der italienischen Hauptstadt. Es war zwar nicht meine erste Reise nach Rom, aber angesichts der schieren Unzahl an Sehenswürdigkeiten und der geballten Ladung Kulturhistorie fühlt man sich irgendwie doch wieder wie beim ersten Besuch. War mein letzter Besuch jedoch schon einige Jahre her, so stand diesmal für mich fest, dass auch im Hinblick auf die römische Barszene eine kleine Vorabrecherche obligatorisch sein würde.

Meine Frau stieß in diesem Zusammenhang auf das Jerry Thomas Project, eine Speakeasy in der kleinen Gasse Vicolo Cellini 30 nahe des Tibers. Das Jerry Thomas Project wurde bereits als beste italienische Bar des Jahres ausgezeichnet und taucht auch in der Rangliste der 50 weltbesten Bars auf. Benannt wurde dieses Speakeasy nach Jerry Thomas, einem der Gottväter der amerikanischen Barkultur, der u.a. für seinen legendären Blue Blazer berühmt wurde. Bereits die Webseite der Bar zeigt, dass man hier auf eine Mischung aus speakeasy-typischer Abgeschiedenheit, Understatement und Klassik bei absolut gehobenem Anspruch setzt. So erfährt man recht wenig über das Interieur oder die dort servierten Drinks, wird aber sehr wohl mit einer – ebenfalls speakeasytypischen – Passwortfrage konfrontiert, die vor dem Einlass in die Bar an der Tür abgefragt wird.

Bei einem nachmittäglichen Sparziergang durch den Orangengarten auf dem Aventin reservierten wir am Gründonnerstag telefonisch für einen Besuch am gleichen Abend im Jerry Thomas Project. Zuvor erfolgte jedoch eine recht ausgedehnte Onlinerecherche, die für mich als Nichtitaliener gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war. Denn die auf der Webseite ausgerufene Passwortfrage hatte es durchaus in sich: „Unter welcher Bezeichnung führten die Anhänger der italienischen Futuristenbewegung der 30er Jahre den „Cocktail“?“ Jeder, der jetzt denkt, das sei doch im Zeitalter von Google kein Problem, kann ja mal eben sein Glück versuchen. Ganz so leicht herauszufinden ist das in der Tat nicht. Die Recherche machte allerdings durchaus Spaß, denn ich erfuhr dabei eine Menge interessanter Dinge über besagte Futuristenbewegung. Alles in allem eine illustre Bewegung mit z.T. sehr skurrilen Gedanken über eine Revolution klassischer Darreichungsformen und –rangfolgen von Speisen. Da ich an dieser Stelle allerdings keine historische Abhandlung verfassen möchte, sei jedem Interessierten selbst eine Recherche ans Herz gelegt. Die richtige Antwort lautete jedenfalls „Polibibita“ (die wir schlussendlich nicht einmal brauchten, s. dazu unten).

Wir reservierten jedenfalls telefonisch für 22 Uhr und machten uns dann abends frühzeitig auf dem Weg. Da die Taxifahrt unerwartet schnell verlief, standen wir bereits eine halbe Stunde zu früh in der Vicolo Cellini und erfüllten somit wohl jedes Klischee über deutsche Pünktlichkeitsakribie. Allerdings mussten wir zunächst einmal den Eingang finden. Unscheinbar hinter einer dunklen Tür verborgen, konnten wir dann aber doch das Jerry Thomas Project entdecken, zu erkennen am goldenen Schild an der Tür. Nachdem wir angeschellt hatten, begrüßte uns durch einen Türschlitz ein sehr freundlicher Barkeeper, der uns darauf hinwies, dass der Laden noch gar nicht geöffnet hatte.

Amüsiert über unser eigenes Klischeebild haben wir uns erstmal ein Glas Weißwein an einer Vinothek um die Ecke gegönnt und kamen dann um 22.10 Uhr nochmal zurück. Diesmal bewusst zehn Minuten zu spät. Wir waren natürlich trotzdem die ersten.

Das Jerry Thomas Project ist wie eine Zeitreise ins Chicago der zwanziger Jahre. Allerdings mit einem gewissen italienischen Einschlag: Dunkle Tapeten und Wandteppiche umrahmen eine in gedämpftes Licht getauchte Räumlichkeit, die mit vielen stilechten Dekorationsgegenständen und Liebe zum Detail eingerichtet ist. Wir wurden in einer gemütlichen Couchecke platziert und studierten zunächst die recht umfangreiche und mit vielen Klassikern und Signature Drinks bestückte Karte.

Da ich keine exakten Zutatenangaben mehr machen kann und aus Stilgründen keine Fotos von der Barkarte schießen wollte, verzichte ich an dieser Stelle darauf, von uns konsumierte Drinks aufzuzählen. Es sei allerdings verraten, dass meine Frau einen sehr aromatischen Flip auf Rumbasis getrunken hat, der noch aus den anderen – ebenfalls exzellenten – Drinks herausragte. Er hatte zwar die Cremigkeit eines Flips, schmeckte dabei aber zugleich spritzig und auch vollendet abgerundet. Vielleicht der beste Flip, den ich jemals probiert habe.

 

Wir haben fast vier Stunden vor Ort verbracht und dabei auch ein wenig unsere Urlaubskasse geschröpft (Die Drinks liegen zwischen 10 und 15 Euro allerdings durchaus im fairen Rahmen, zumal für römische Verhältnisse), hätten aber durchaus auch länger bleiben können. Aber zu viel Alkohol ist ja bekanntlich keine gute Idee.

Für einen sehr guten Eindruck vom Flair des Jerry Thomas Projects sei dieses Video sehr empfohlen:

Ein wirklich schönes Erlebnis. Wir werden gerne eines Tages wiederkommen.

http://www.thejerrythomasproject.it

(Die Fotos sind mit einem Mobiltelefon ohne Blitz im Dunkeln aufgenommen worden.)

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