Foursquare Plenipotenziario

Als ich mich erstmalig verstärkt mit Rum zu beschäftigen begann, war das heute doch recht ausgeprägte Bewusstsein für die unterschiedlichen Stile, die leider von vielen Herstellern praktizierte Zugabe von Zucker, Glycerin, Vanillin o.ä. noch nicht vorhanden. Meine erste Orientierung in der Rumwelt war damals noch eine Einteilung in den sog. spanischen, französischen und britischen Rum-Stil, wie man sie auch heute noch in mancher Rumliteratur findet. Zwar ist diese Einteilung nicht unbedingt vollends unsinnig, aber sie gilt inzwischen auch als überholt und wenig aussagekräftig. Eine Destille, mit der ich jedenfalls ein echtes Aha- bzw. Erweckungserlebnis verbinde, ist die Foursquare Distillery aus dem Inselstaat Barbados.

Klar, wer an Barbados und Rum denkt, der denkt vermutlich zunächst an Mount Gay, wo man sich immerhin mit dem Titel der ältesten Rumdestille der Welt schmücken darf. Aber wer sich ein wenig mit Rum auskennt, für den steht sicherlich auch der Name Foursquare an vorderster Stelle. Wenn ich z.B. an den neunjährigen Foursquare Port Cask Finish zurückdenke, der einmal für einen erschwinglichen Preis zu haben war, dann gerate ich noch immer ins Schwärmen. Die Foursquare Distillery (offiziell Teil der R.L. Seale & Company Ltd) wurde im Jahr 1920 gegründet. Sie wird heute in vierter Generation von Sir David Seale und seinem Sohn Richard Seale geführt. Neben Richard Seale ist für die heutige Flasche auch noch Luca Gargano (Habitation Velier) mit verantwortlich, der jedem Rumliebhaber ein Begriff sein dürfte.

Der Rum hört auf den spektakulären Namen Foursquare Plenipotenziario (spektakulär zumindest für Nicht-Italiener). Diese nah am Zungenbrecher zu verortende Bezeichnung geht nach Herstellerangaben auf Richard Seale zurück (der ganz offensichtlich gut Italienisch sprechen muss) und bedeutet laut Google-Übersetzer so viel wie „Bevollmächtigter“. Das erscheint tatsächlich zunächst wenig sinnhaft mit Blick auf einen Rum, aber das Flaschenetikett belehrt uns, dass der Begriff (wohl auch) „with full powers“ bedeutet, also weniger das Amt des Bevollmächtigten im Blick hat, als vielmehr seine vollumfänglichen Befugnisse. Gut, ich persönlich habe ja hier doch eher Herrn Gargano als eigentlich für den Namen Verantwortlichen im Verdacht (und wenn auch nur als Übersetzer), ein bisschen zum Schmunzeln bringt mich die Bezeichnung dieses Rums jedenfalls schon. Vor allem dann, wenn mich jemand fragt, was das denn für ein Rum dort sei und sich dann erst einmal verhaspelt.

Sei es drum. Der Foursquare Plenipotenziario (je öfter man ihn laut mitliest, desto besser geht er von der Zunge!) ist ein Rum Blend aus leichten Rums, die auf der traditionellen “Twin Columns Coffey Still” der Foursquare Distillery gebrannt wurden und schweren Rums aus der kupfernen “Double Retort Pot Still”. Er reifte tropisch für 12 Jahre in ehemaligen Bourbonfässern und wurde dann mit 60% vol. direkt in Fassstärke abgefüllt. Das Jahr der Destillation war dabei 2007 (das der Abfüllung der Oktober 2019). Preislich liegt die Flasche ungefähr bei 140 Euro, man muss also schon ein bisschen was investieren. Wer allerdings mit Velier-Abfüllungen vertraut ist, der weiß auch, in welchen preislichen (aber nunmal definitiv auch qualitativen) Dimensionen man sich hier bewegt. Nun gut, nun aber zur alles entscheidenden Frage: Wie ist er denn nun, der Plenipotenziario?

Tasting Notes:

Aroma: Der im Glas schwer und ölig sich bewegende und langsam ablaufende Beine an der Glaswand hinterlassende Rum verströmt sofort einen sehr eindrucksvollen Duft. Zwar erreicht er nicht sofort die Schwere und Wucht, mit der manch ein Jamaikaner bereits von Weitem grüßt, angesichts des Blends aus leichten und schweren Rums ist das hier aber auch nicht gewollt. Dennoch: von einem schwachen Aroma kann keine Rede sein, denn der Plenipotenziario präsentiert sich ohne Frage von Beginn an mit geschwellter Brust. Ein vielschichtiges Zusammenspiel von Gewürzen und Früchten bildet den ersten artikulierten Gedanken, der mir durch den Kopf geht. Vor allem finde ich reife, authentische Mango, wie ich sie so selten bis gar nicht zuvor vernommen habe. Habe ich jemals einem Rum Mangoaromen attestiert? Falls ja, kann man das getrost vergessen, denn hier grüßt die Mango mit einer Verve, die keinen Vergleich duldet! Zudem finde ich reife Bananen, Ananas, Guave, Passionsfrucht und einen Anflug von Limettenschalen. Von Anfang an dabei ist ein feines Zimtaroma, gemahlener Pfeffer und würzige Nuancen von Eichenholz. Überhaupt: auch die Fässer hinterlassen ihre Unterschrift im Rum, auch wenn sich dies erst mit der Zeit herauskristallisiert: feine Vanilletöne, überraschend auftretende, vollreife Orangen (die ich anfänglich nicht ausgemacht habe) und auch etwas Milchschokolade sind zugegen. Eine tolle Nase, an der man stundenlang Spaß haben kann!

Geschmack: Auch am Gaumen kann ich nicht wirklich ausmachen, was mir hier als Erstes begegnet. Von Anfang an treten Früchte und Gewürze ihren wilden Tanz am Gaumen an und neben mich voll in Beschlag. Limetten, Orangen, etwas Vanille und Eichenholz, die Mango ist hier etwas zurückhaltender, aber wieder vorhanden und kommt etwas holzig daher, was mir gut gefällt. Der Zimt ist am Gaumen nur schwach ausgeprägt, dafür finde ich sehr interessante Noten von rotem Pfeffer, Johannisbeeren oder Hagebutte, dahinter dann wieder Zitrusschalen. Muskatnuss und Nelken sind mit von der Partie; der Plenipotenziario ist am Gaumen erfreulich trocken und komplex.

Abgang: mittellang bis lang mit Gewürzen, geschlagenem Apfelholz und etwas Kakao

Tja, will man einen Rum dieser Preiskategorie in einem Cocktail einsetzen? Unbedingt! Und hier habe ich mich einfach für einen klassischen Mai Tai entschieden, in welchem der Rum mit seinen starken Mangoaromen ganz wunderbar zur Geltung kommt und tatsächlich eine Messlatte setzt. Zwar habe ich über den Mai Tai vor längerer Zeit schon einmal geschrieben, hier aber nochmal das Rezept, in dem ich einmal mehr auf Pierre Ferrand Orange Curacao vertraue, vor allem aber inzwischen auch auf das wirklich beste Orgeat am Markt: das Meneau Orgeat.

Rezept „Mai Tai“:

6 cl Foursquare Plenipotenziario
1,5 cl Pierre Ferrand Orange Curacao
1 cl Meneau Orgeat
0,5 cl Zuckersirup
3 cl Limettensaft

Zubereitung: Zubereitung: Alle Zutaten kräftig auf Eis schütteln und in ein mit frischem Eis gefülltes Glas abseihen.

Glas: Tumbler

Garnitur: Minzzweig und ausgepresste Limettenhälfte

Bezugsquellen: Im Fachhandel oder online

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