Pure Spirits: Pierre Ferrand Dry Curaçao

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Bevor ich direkt einige Worte über den Inhalt der heutigen Flasche aufs imaginäre Papier bringe, ist es sicherlich sinnvoll, einen kurzen Exkurs in die Welt der Begrifflichkeiten zu unternehmen. Denn leider herrscht auf dem Gebiet der Orangenliköre ein ziemliches Durcheinander an Markennamen, Gattungsbezeichnungen, regionalen Ursprungsbezeichnungen und Herstellungsunterschieden. Und wer sich sowieso bis hierher intuitiv gefragt hat, warum denn die Flasche „Dry Curaçao“ auf dem Bild nicht blau ist, der sollte nun wirklich dringend weiterlesen. (Zugesandtes Testprodukt)

Angefangen hat alles auf der Karibikinsel Curaçao (welch Wunder!), wo nach der Kolonialisierung durch die Spanier Orangen angebaut wurden, welche jedoch nicht in von den Kolonialherren gewünschter Weise dort wuchsen. Im Laufe der Jahre verwilderten dort einige dieser angebauten Orangenpflanzen und es entstand eine neue Sorte von Bitterorangen auf der Insel mit dem schönen botanischen Namen Citrus aurantium currassuviensis, auch Laraha Orange oder einfach nur Curaçao-Orange. Irgendwann wurden die Schalen dieser Orangen in Alkohol eingelegt und der Ur-Curaçao war geboren. Vor allem in Frankreich entstand nun während des 19. Jahrhunderts eine gestiegene Nachfrage nach Orangenlikören – eben solchen Curaçaos – und es war 1834 der Combier Triple Sec, gefolgt von Cointreau und Grand Marnier, die noch bis heute berühmte Markennamen etablierten. Triple Sec heißt im Französischen eigentlich einfach nur „dreifach trocken“ und setzte sich im Laufe der Zeit als Bezeichnung für diese Orangenliköre durch. Auch Cointreau hieß z.B. einmal ursprünglich Cointreau Triple Sec, dieser Zusatz wurde dann aber irgendwann vom Hersteller aus Marketinggründen gestrichen, um als eigenständigere Marke wahrgenommen zu werden. Dabei werden die Orangenliköre z.T. auf Basis unterschiedlicher Spirituosen hergestellt, Grand Marnier ist z.B. berühmt für seinen auf Cognac basierenden „Cordon Rouge“, während Cointreau auf klaren Alkohol setzt.

Ein großes Problem damals wie heute: Weder die Begriffe Curaçao noch Triple Sec sind geschützte Qualitäts- oder Herkunftsbezeichnungen und so sammelte sich im Laufe der Geschichte ein riesiges Sammelsurium an Sorten und Marken und man kann oft nicht so richtig sicher sein, an welchen Triple Sec jemand gedacht hat, wenn in einem Cocktailrezept die Rede von Triple Sec oder gar Orangenlikör (statt von einem spezifischen Herstellernamen) ist. Weil viele Curaçaos (auch „Orange Curaçaos“ genannt) inzwischen gar nicht mehr auf Curaçao hergestellt werden, ist der Name bestenfalls nur noch als historisch konnotierter Begriff zu verstehen. Um sich abzugrenzen und eben ein Authentizitätsmerkmal anbieten zu können, werden auf Curaçao hergestellte Orange Curaçaos inzwischen als „Curaçao of Curaçao“ verkauft. Bleibt noch die Frage nach der blauen Farbe: Die Erklärung ist recht schlicht und wenig spektakulär: Besonders während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die internationale Cocktailkultur auf einer Art Tiefpunkt angelangt und da die Nachfrage nach guten Drinks global ziemlich gering war, entwarf man einen blau gefärbten Curacao, welcher letztlich tatsächlich lediglich eine gefärbte Variante eines Orange Curaçaos ist. Aufgrund der fehlenden Qualitätsrahmenbedingungen auch oftmals leider ein ziemlich mieser. Der Marketinggag funktionierte auch in gewisser Weise, was man schon allein daran erkennen kann, dass so ziemlich jeder Blue Curaçao kennt. Inzwischen gilt Blue Curaçao allerdings weitgehend als verpönt und wird oft höchstens in ironisch gebrochener Art und Weise verwendet.

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So, nun habe ich etwas weiter ausgeholt, um das heutige Produkt vorstellen zu können, welches sich rühmen darf, im Jahre 2013 vom Mixology-Magazin zur „Spirituose des Jahres“ gewählt worden zu sein. Man ahnt also schon, dass man es hier mit keinem Vertreter der qualitativ fragwürdigeren Triple Secs zu tun hat. Die Rede ist vom Pierre Ferrand Dry Curaçao. Wenn man nun bedenkt, dass das Haus Ferrand traditionell in der Cognacherstellung beheimatet ist, dann ahnt man bereits ganz richtig, in welche Richtung das Konzept des Pierre Ferrand Dry Curaçaos geht. Wie auch der Plantation Pineapple Stiggins‘ Fancy Original Dark wurde der Dry Curaçao in Zusammenarbeit mit dem renommierten Cocktailhistoriker David Wondrich konzipiert. Für seine Herstellung wurde ein Destillat aus den echten Curaçao-Orangen mit drei Kräuterdestillaten sowie Brandy und eben Cognac aus dem Hause Ferrand vermählt. Grundlage hierfür soll ein altes französisches Rezept aus dem 19. Jahrhundert gewesen sein. Der Namenszusatz „Dry“ verspricht hier, maßgeblich zu sein. Der Dry Curaçao wird mit 40% vol. abgefüllt.

Als Cocktailzutat ist der Pierre Ferrand Dry Curaçao natürlich ein ideales Produkt, für das es sehr viele Einsatzmöglichkeiten in Cocktails gibt. Der legendäre Pegu Club Cocktail ist dabei sicherlich einer der ersten Drinks, die mir einfallen. Diesen Drink werde ich auch hier in den nächsten Tagen vorstellen. Nun aber zur Purverkostung des Pierre Ferrand Dry Curaçao.

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Tasting Notes:

Aroma: In der Nase steigt sofort ein betörend intensiver Duft von würzigen Orangenschalen auf. Der Geruch ist sehr vielschichtig und man entdeckt mit der Zeit immer neue Facetten. Helle und leichte Orangenblüten, würzige Schalen und eine Süße wie die von kandierten Orangenstückchen werden von feinen Kräuternoten untermalt, die wiederum eingerahmt sind von subtilen Fasstönen vom verwendeten Cognac.

Geschmack: Auch am Gaumen ein wirklich toller Geschmack aus der facettenreichen Welt der Orange: eine schwere Süße mischt sich mit würziger Bitterkeit. Dazu auch hier wieder leichte Kräutertöne, etwas Honig, tatsächlich Bittermandel und feiner Cognac im Hintergrund. Eine schöne Trockenheit zeichnet diesen Curaçao / Triple Sec aus.

Abgang: lang, würzig und trocken.

Ein tolles Produkt, absolut empfehlenswert!

Bezugsquellen: Im Fachhandel oder online. Eine 0,7l-Flasche kostet zwischen 20 und 25 Euro.

2 thoughts on “Pure Spirits: Pierre Ferrand Dry Curaçao

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